Feedback Kultur

Feedback als soziale Inszenierung

Veröffentlicht am: Friday, Aug 15, 2025 von David Symhoven

Feedback als soziale Inszenierung

“Die Konformität in unserer Gesellschaft ist so stark, dass halbwegs intelligente und wohlmeinende Menschen bereit sind, Schwarz als Weiß zu bezeichnen.”

— Solomon Asch (1955)

Ich vermute, dass du das Asch-Experiment bzw. die Experimente rund um den Konformitätszwang bereits kennst. Falls nicht, möchte ich es dir kurz zusammenfassen, denn ich sehe eine Verbindung zwischen Konformitätszwang und dem Thema dieses Beitrags: Feedback als soziale Inszenierung.

Aufbau des Experiments

Solomon Asch wollte untersuchen, wie stark sich Menschen der Meinung einer Gruppe anpassen – auch dann, wenn diese offensichtlich falsch ist.

Dazu entwickelte er folgendes Setting:

  • Eine Versuchsperson betritt einen Raum mit 7–9 weiteren Personen, die scheinbar ebenfalls Versuchspersonen sind – in Wahrheit sind sie Eingeweihte (Konföderierte).
  • Die Gruppe sieht zwei Karten:
    • Auf der einen Karte: eine Referenzlinie.
    • Auf der anderen: drei Vergleichslinien (A, B, C), von denen nur eine gleich lang ist wie die Referenzlinie.
  • Nun sollen alle reihum sagen, welche Linie gleich lang ist.
  • Die Versuchsperson ist immer an vorletzter oder letzter Stelle.

Versuchsmanipulation

In den ersten Durchgängen geben alle Konföderierten die richtige Antwort. Dann beginnt die Gruppe plötzlich, offensichtlich falsche Antworten zu geben – absichtlich und geschlossen.

Ergebnisse

  • Etwa 75 % der Versuchspersonen passten sich mindestens einmal der falschen Gruppenmeinung an.
  • Im Schnitt folgte die Versuchsperson in rund einem Drittel der Fälle (32 %) der Gruppe – obwohl die Antwort klar sichtbar falsch war.
  • In der Kontrollgruppe (ohne Gruppendruck) lag die Fehlerquote unter 1 %.

Wichtig: Bereits ein weiterer „Rebell“ reicht aus, um die Fehlerquote drastisch zu senken. Und bereits drei Personen aus der Peer Group reichen aus, um den Konformitätszwang auszulösen. Jede weitere Person beeinflusst das Ergebnis kaum.

Einfach ausgedrückt: Wenn drei Menschen eine Meinung in den Raum setzen und niemand widerspricht, stimmen viele von uns dieser Meinung zu.

Kritik

Eine Reihe von Kritikpunkten wurde gegen Aschs Experiment erhoben, unter anderem die Frage nach der Motivation der Studierenden, tatsächlich akkurat zu antworten. Kritiker argumentieren, dass das Experiment statt eines Tests des Gruppenzwangs eher das Desinteresse der Teilnehmenden zeige, sich in einem Konflikt um die richtige Antwort zu bemühen. Ferner war es den Teilnehmenden in Aschs Experiment nicht erlaubt, miteinander zu interagieren.

Ich war neulich auf einer Konferenz. Inhaltlich inspirierend, keine Frage. Doch dann kam der Abschluss. Und wie es sich gehört – das ist jetzt ironisch gemeint – wurde im Plenum um Feedback gebeten. Also: Mikrofon freigegeben, offene Runde, das klassische: „Was nehmt ihr mit?“, „Was hat euch gefallen?“

Und was dann passierte, war für mich wie ein sozialpsychologisches Lehrstück. Kaum jemand äußerte echte Kritik.

Stattdessen:

  • Dankbarkeit
  • Highlights
  • Positive Erkenntnisse

Alles war:

  • „wertvoll“
  • „erkenntnisreich“
  • „toll organisiert“

Und ich dachte: “Moment mal. Habe nur ich die holprigen Stellen bemerkt? Die Redundanzen? Die inhaltliche Leere mancher Beiträge?”

Psychologischer Unterbau

Was da ablief, ist tief menschlich – aber auch tief problematisch. Denn wir verwechseln häufig Rückmeldung mit Repräsentation. Feedback wird zur Bühne. Und diese Bühne folgt bestimmten sozialen Skripten (Stichwort: Konformitätsdruck).

Wir Menschen sind soziale Wesen. Unser Gehirn ist evolutionär so gebaut, dass Zugehörigkeit überlebenswichtig ist. Kritik zu äußern – vor allem öffentlich – birgt immer das Risiko, sich von der Gruppe abzugrenzen. Und das fühlt sich existenziell bedrohlich an. Der bekannte Asch-Konformitätseffekt zeigt genau das:

Selbst wenn Menschen wissen, dass eine Aussage falsch ist, passen sie sich der Mehrheitsmeinung an – einfach nur, um nicht abzuweichen.

Weil Abweichung sozialer Schmerz ist.

Pluralistische Ignoranz

Ein weiterer Effekt wirkt hier ebenfalls: Pluralistische Ignoranz.

Das bedeutet: Alle glauben, dass sie mit ihrer eigenen Meinung alleine dastehen – und passen sich deshalb dem vermeintlichen Gruppenkonsens an. Auch dann, wenn dieser Konsens nur eine Illusion ist.

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Systemischer Blick

In Organisationen beobachten wir genau das häufig in sogenannten Retrospektiven oder Abschlussrunden. Das Format lädt zur Offenheit ein – aber die Struktur sorgt für das Gegenteil. Wenn 30 Menschen gemeinsam gefragt werden, wie sie etwas fanden – was wird dann gesagt?

Eben.

Systemisch gesprochen handelt es sich um eine Selbstbeschreibung des Systems, die nicht aus Operationalität, sondern aus Repräsentation entsteht. Mit anderen Worten: Es geht nicht darum, wie es war sondern darum, wie wir als Gruppe wirken wollen.

Reflexion

Und hier kommt mein eigener Zweifel ins Spiel. Ich saß da und dachte:

“Vielleicht hast du es einfach falsch erlebt. Vielleicht bist du zu kritisch.”

Aber nein. Ich glaube, genau das ist das eigentliche Problem. Wenn Feedback nur noch nach Applaus klingt, dann verlieren wir den Kontakt zur realen Erfahrung. Und machen aus Reflexion eine Inszenierung. Das ist gefährlich. Denn Organisationen, die Feedback nur als Ritual behandeln, verlieren ihre Lernfähigkeit. Sie bestätigen sich selbst und bleiben stehen.

Was also tun, wenn du in solchen Situationen Feedback willst, das wirklich etwas bringt?

  1. Verändere die Struktur

Nicht: „Was fandet ihr gut?“

Sondern:

  • Was hat euch irritiert?
  • Wo habt ihr gezweifelt?
  • Was war weniger hilfreich als erhofft?
  1. Arbeite mit kleinen Gruppen

Plenumsformate erzeugen Bühne. Kleinformate erzeugen Gespräch.

  1. Trenne Feedback von Bewertung

Wirkliches Feedback braucht innere Stabilität. Wenn ich nicht wissen muss, ob mein Beitrag gut war, sondern ob er gewirkt hat, entsteht die Möglichkeit für echten Kontakt.

Also:

Wenn du das nächste Mal in einer Runde sitzt und Feedback geben sollst, frag dich: Sprichst du gerade – oder performst du?

Und wenn du moderierst, frag dich: Willst du wirklich hören, was schieflief? Denn nur dort, wo Kritik einen Platz hat, entsteht Entwicklung.

Und dafür müssen wir reden.

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