Organisationsentwicklung Kultur

Ein Regelwerk für zwei Sportarten. Prototypische Organisationsmuster 5/6

Veröffentlicht am: Monday, Sep 21, 2026 von David Symhoven & Jens Aßmann

Ein organisationales Muster zwischen Bewährtem und Neuem

Der Konferenzraum der Voss Agrartechnik GmbH liegt im zweiten Stock, mit Blick auf den Werkshof. Es ist Ende Januar, die Zahlen für das vergangene Jahr liegen auf dem Tisch. Werner Deters, seit siebzehn Jahren Leiter des Bereichs Ernte- und Saattechnik, kennt sie auswendig. „Der Auslandsumsatz ist stabil, die Qualität stimmt, das Reklamationsniveau ist so niedrig wie nie.“ Er macht eine Pause. „Aber der Gesamtumsatz ist das vierte Jahr in Folge rückläufig. Der Markt schrumpft, und das wird sich wohl nicht mehr umkehren.“

Ihm gegenüber sitzt Julia Brammer. Vor neun Monaten hat sie die neu geschaffene Stelle als Leiterin von „Voss Digital” übernommen, intern befördert aus dem Vertrieb. Ihr Auftrag: ein zweites Standbein aufzubauen. Es geht um sensorbasierte digitale Feldkarten, gekoppelt an ein Abomodell. Landwirte können damit ihre Saatgutmenge exakt nach der Bodenqualität dosieren, statt sie gleichmäßig auf das Feld zu bringen.

Die unternehmerische Wette dahinter ist einfach: Wer weniger Saatgut nutzt und gleichzeitig den Ertrag erhöht, zahlt gern für die Daten, die das ermöglichen. „Wir haben drei Pilotkunden, die Rückmeldungen sind gut“, berichtet sie. „Aber um die Dosierung über verschiedene Böden hinweg zu validieren, brauchen wir eigene Ackertestflächen für die kommende Aussaat und dazu die nötige Werkstattkapazität für die Sensorik.“

Am Kopfende des Konferenztisches sitzt Matthias Voss, geschäftsführender Gesellschafter in dritter Generation. Er hört beiden zu, nickt und sagt: „Ich weiß, dass wir das Neue brauchen. Aber ich kann Werner auch nicht die Testflächen wegnehmen, die er für die Vorführtermine vor der Saison fest eingeplant hat.“

Die Grundspannung: Bewährtes nutzen und Neues entdecken

Jede Organisation, die überleben will, muss zwei Dinge gleichzeitig können, die sich gegenseitig die Ressourcen streitig machen: nutzen, was sie bereits gut kann – Exploitation, die Verfeinerung bestehender Produkte und Prozesse – und erkunden, was sie noch nicht kann – Exploration, das Ausprobieren neuer Geschäftsmodelle mit unsicherem Nutzen und unklarem Ertrag in der Zukunft.

Beide Pole sind notwendig, keiner ist dem anderen überlegen. Aber sie folgen unterschiedlichen Logiken: Exploitation liefert schnelle, sichere, gut messbare Ergebnisse. Exploration ist unsicher und erst einmal schwer zu bewerten. Exploitation und Exploration konkurrieren um dieselben Ressourcen. Bei der Voss Agrartechnik GmbH ist diese Spannung im Kern des Geschäfts verankert. Werner Deters’ Bereich hat über Jahrzehnte eine Erfolgsformel verfeinert: robuste, exportstarke Erntetechnik von hoher Qualität. Sie hat lange funktioniert, wird aber von Jahr zu Jahr weniger tragfähig. Julia Brammers Bereich soll eine neue Technik finden – und das braucht Zeit, Fehlversuche und Ressourcen, die sich nicht mit den Ansprüchen der laufenden Saison vereinbaren lassen.

Die Musterbildung: Wenn Bewährtes automatisch gewinnt

Auf dem Werkshof zeigt sich die Spannung konkret: ein Werkstattmeister, zwei Ackertestflächen nahe dem Stammwerk, ein festes Kontingent an Fachkräften, das im Frühjahr für Rüstung und Vorführtermine eingeplant ist. Werden diese Ressourcen knapp, gilt eine ungeschriebene, aber sehr wirksame Regel: Das Bestandsgeschäft hat Vorrang. Nicht weil jemand das explizit entschieden hätte, sondern weil die Planungslogik historisch für dieses Geschäftsmodell gebaut wurde. Stehen die Frühjahrsvorführungen bei den Händlern an, werden die Testflächen dafür genutzt. Julia Brammers Termin für die Dosierungstests wird verschoben. Erst um zwei Wochen, dann um drei, dann auf die nächste Saison.

Sie kennt dieses Muster inzwischen genau. Ihre Anfragen werden nie explizit abgelehnt, sie versanden. „Lass uns nach der Auslieferungsphase noch mal draufschauen“, hat Werner Deters ihr im Herbst gesagt, ohne Böswilligkeit. Für ihn ist die Priorisierung keine Entscheidung gegen sie, sondern die einzig vernünftige Reaktion auf einen Betrieb, der jetzt laufen muss. Genau das macht das Muster so wirkungsvoll: Es braucht niemanden, der Exploration aktiv verhindert. Es reicht, dass die Organisation ihre Ressourcenlogik nie neu gedacht hat.

Wäre Julia Brammers Bereich unbedeutend, ließe sich das ignorieren. Aber er soll die Zukunft des Unternehmens bilden und deshalb wiegt jede verschobene Testfläche doppelt. Nach neun Monaten hat ihr Team drei Pilotkunden gewonnen, bislang keinen verloren, aber auch keinen weiteren dazugewonnen.

Diese Unterscheidung entscheidet über Zukunftsfähigkeit

Exploitation und Exploration verhalten sich zueinander wie zwei Sportarten, die denselben Ursprung teilen, aber nach eigenen Spielregeln gespielt werden: Volleyball und Beachvolleyball. Gleicher Ball, gleiches Netz, aber eine andere Spieleranzahl, anderes Feld, anderer Untergrund. Wer das Hallenspiel meisterhaft beherrscht, hat im Sand keinen automatischen Vorteil.

So verhält es sich auch mit Werner Deters’ und Julia Brammers Bereichen: bei allen Ähnlichkeiten sind es zwei Sportarten mit unterschiedlichen Erfolgskriterien. Beachvolleyball ist keine kleinere Version von Volleyball. Das Bestandsgeschäft lässt sich an Stückzahlen, Marge und Reklamationsquote messen. Das entspricht der Punktezählweise in der Halle. Das Zukunftsgeschäft nach diesen Regeln zu bewerten, hieße Hallenpunkte im Sand zu zählen: Man misst etwas, aber nicht das, was zählt. Ein Pilotkunde, ein Prototyp, ein gescheiterter Test sind im Explorationsspiel keine Fehlleistung, sondern der eigentliche Spielzug. Solange eine Organisation nur eine Ressourcen- und Erfolgslogik in der Halle kennt, verliert das neue Spiel im Sand den Vergleich fast zwangsläufig.

Das eigentliche Problem ist also nicht, dass Werner Deters zu viel Raum einnimmt. Sein Verhalten ist im eigenen Spiel folgerichtig, weil die historische Stärke der Voss Agrartechnik GmbH ihre Strukturen und Kennzahlen längst auf genau dieses Spiel zugeschnitten hat. Das Problem ist, dass es bislang kein zweites Spielfeld mit eigenen Spielregeln gibt:

Das Bewährte liefert schnelle, klare Rückmeldungen, das Neue unsichere und späte. Das gewohnte Spiel gewinnt deshalb fast jeden Vergleich um dieselben Ressourcen, weil sein Erfolg leichter zu erkennen ist.

Bleibt das unerkannt, verstärkt es sich mit jeder Saison: Das Bestandsgeschäft bekommt Vorrang, bestätigt damit die eigene Priorisierung, während das Zukunftsgeschäft nie genug Raum bekommt, um zu zeigen, was es perspektivisch tragen könnte. So trifft die Organisation zwar keine bewusste Entscheidung gegen ihre Zukunftsfähigkeit, aber doch eine faktische, Saison für Saison.

Die bewusste Gestaltung der Grundspannung

Einige Zeit nach der Besprechung bittet Matthias Voss den Leiter des Bereichs Ernte- und Saattechnik und die Leiterin von Voss Digital noch einmal zu sich. Er hat nur eine Folie vorbereitet, die zwei Spalten hat: eine für Volleyball und eine für Beachvolleyball. „Ich glaube, wir haben Julias Bereich die ganze Zeit nach Werners Regeln bewertet“, sagt er, „und ihm Ressourcen nach derselben Logik zugeteilt. Das war nie böse Absicht, aber auch nie eine bewusste Entscheidung.“

Er stellt die Frage in den Raum, ob Voss Digital nicht ein eigenes Spielfeld braucht: eigene Ressourcen, eigene Regeln, ein eigener Maßstab, an dem Erfolg gemessen wird. Eine fertige Antwort hat er in diesem Moment nicht, nur diese Frage. Werner Deters schweigt. Julia Brammer sieht ihn an. Beide wissen: Die Frage, ob Voss Digital ein eigenes Spielfeld braucht, ist heute nicht entschieden. Aber gestellt.

Die Spannung zwischen Exploitation und Exploration lässt sich nicht auflösen, nur bewusst gestalten. Unternehmen, die ihr eigenes Organisationsmuster erkennen, können sich zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  • Wer entscheidet bei uns faktisch, wenn Bestandsgeschäft und Zukunftsgeschäft um dieselben Ressourcen konkurrieren? Ist das eine bewusste Entscheidung oder ein Automatismus?
  • Woran bewerten wir unser Zukunftsgeschäft? Nach Maßstäben des Bestandsgeschäfts, oder an eigenen Maßstäben?
  • Haben wir jemals entschieden, wie viel Neues wir uns leisten wollen und müssen, oder verwalten wir nur, was das Bestandsgeschäft übrig gelassen hat?

Organisationen, die ihre eigenen Muster nicht kennen, werden trotzdem maßgeblich von ihnen beeinflusst. Diese Artikelserie beschreibt solche Organisationsmuster – nicht um sie zu verurteilen, sondern um sie sichtbar zu machen. Wer seine Organisation beim Lesen wiedererkannt hat, hat bereits begonnen, das Muster zu beobachten. Diese Sichtbarkeit ist die Voraussetzung für bewusstes Handeln.


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1/6 Software als Maßanzug

2/6 Beratung als Familientheater

3/6 Konsens ist wenn niemand entscheidet

4/6 Zu Gründlich, um zu helfen

Mehr zu dem Thema auch in meinem Podcast oder in meinem Buch Die Illusion der Kontrolle